Biography – German

Warrant, 1983

Wenn unter Metal-Fans die Frage nach derjenigen deutschen Band aufkommt, die es im Verhältnis zu ihrem Talent und ihren Möglichkeiten am wenigsten weit gebracht hat, so muss – zumindest nach Ansicht des Verfassers – der Begriff “Warrant” ganz hoch gehandelt werden. Aber zum Glück geht es in einer solch subjektiv gehaltenen Publikation wie der vorliegenden nicht um Verkaufszahlen oder goldene Schallplatten, sondern nur um eines: um Metal!

Und da waren Warrant zu ihrer Zeit ganz vorne mit dabei. Alles begann irgendwann 1984, als Noise Chef Karl Walterbach – der in diesem Kapitel später noch besondere Erwähnung finden wird – ein Proberaum Demo der Band zu Gehör bekam. Daraufhin fuhr die findigste deutsche Metal-Spürnase der Achtziger prompt nach Düsseldorf, um den talentierten Haufen persönlich in Augenschein zu nehmen. Ein Vertrag war die logische Folge dieses stählernen Rendezvous, “… und ohne weitere Demos oder Auftritte wurde gleich unsere erste Mini-LP aufgenommen.

Der Karl Walterbach hatte mit der Speed Welle einen guten Riecher, das muss man ihm lassen. Für uns ging es praktisch von 0 auf 100. Wir wurden von der ganzen Sache ein bisschen überrollt. [Quelle: That´s It! Nr.9, S.50] Überrollt wurden auch geschwindigkeitshörige, bzw. nach Powervollem lechzende Fans, als ihnen in Form der Mini-LP “First Strike” bei Granaten Songs wie etwa “Scavenger´s Daughter” in allerprächtigster und allerknalligster Art und Weise eine Speed-Metal-Hell unter die Kopfhaut gebuttert wurde, als hätte sich beim Zwischenstopp auf dem Trucker Strich die Handbremse eines nun ungebremst zu Tal donnernden Zwanzigtonners verselbständigt.

Heilige Scheiße, was sind die Stücke dieser Formation nach einem Dutzend Jährchen immer noch gnadenlos aufpeitschend und mitreißend! Welches “true-e” Haupt behält bei mit “früh-SODOM-esquen” Lyrics ausgestatteten Reißern vom Schlage “Satan” schon die Contenance und gerät nicht ins Rotieren:

“I´m a new Satan
I kill them all
I´m a new Satan
Die!”

Was aber ganz wichtig war: Nicht nur die Speed-Fetzer kickten Ass. Nein, auch die durch aus vorhandenen und Abwechslung in das Höchstgeschwindigkeits Speerfeuer bringen den Midtempo Kompositionen waren echte Highlights. Werke wie das auf dem folgenden Longplayer vertretene “Send ya´ to Hell” oder “Die Young” besitzen das seltene Flair von echten Evergreens. Und diese LP, schlicht “The Enforcer” betitelt, war, ist und bleibt ein dermaßen gekonnter Tritt in den Arsch, dass der Schuh auf ewig drin steckenbleiben wird!

Unter dem Eindruck der jeweiligen mächtigen A-, bzw. B-Seiten Opener “The Rack” und “The Enforcer” versteige ich mich einfach mal auf die zugegebenermaßen kühne Hypothese: Warrant hätten die deutschen Metallica werden können! Damit ist natürlich nicht die fürchterliche “Klaus & Klaus” Version dieser Boygroup in den Neunzigern gemeint. Nein, der Vergleich zielt eher auf die “Ride the Lightning” Phase der Amis ab. Unglaublich klar und druckvoll produziert, mähten die Burschen um den einen massenkompatiblen Kehlkopf besitzenden Sänger Jörg.

Ur-Gitarrist sowie Die Hard Eyeliner User Thomas Klein und den zur LP neu ins Bandgefüge gestoßenen, technisch und optisch hervorragend passenden Guitar-Wizard Oliver May nun alles nieder. Ein Song wie das zugegebenermaßen ungeschickt betitelte “Nuns have no Fun” ist ein verdammter Klassiker! Die Songs von Warrant leben! Solch hochwertiges Material wird immer hörenswert sein. Warrant kamen trotz großartiger Voraussetzungen nicht vom Fleck, wurden von anderen, schwächeren und unehrlicheren, teils mit riesigen “Hülsenfrüchten” arbeitenden Truppen links überholt und gerieten in Vergessenheit.

Dazu passend erscheint die Forderung des damaligen Warlock Managers, dem es nicht zu peinlich war, von Warrant für den Support Job einer Mini Tour im Jahre 1985, als sowohl Warlock als auch Warrant je zwei Scheiben auf dem Markt hatten, von den Proberaumnachbarn Warrant 12.000 DM zu fordern, ohne dabei rot anzulaufen, versteht sich … Konnten sie sich nicht leisten! Danach zerbrach die Band mehr oder weniger, trennte sich vom Management und präsentierte Ende 1985 eine neue Besetzung bei einem Gig in Belgien: Jörg Juraschek nur noch singend, Oliver May wie gehabt, Frank Hellenbroich übernahm die 4-Saiten von Jörg sowie Uwe Deges als Drummer.

Ergänzend sei noch erwähnt, dass Lothar Wieners (obwohl wegen gesundheitlicher Probleme bei Warrant ausgestiegen – auf der LP spielte für Ihn der Stallion Drummer) mit Thomas Klein die Formation Monroxe gründete, jedoch bis auf eine EP 1987 auch mit dieser nichts erreichen konnte – wie seine ehemaligen Kollegen mit Punchline. Ein letztes Aufbäumen in Form eines “86er Demo Tapes mit überragenden, keinen Millimeter hinter vorausgegangenen, top professionellen Songs wie etwa “Flame of the Show” und dem unglaublichen “When the Sirens Call” wurde anschließend von Noise Records mit der Begründung, es sei nicht extrem genug, abgelehnt!

War das etwa die Company, die zwei Jahre später Typen wie Nadir D´Priest ein Forum einräumte und alle Torheiten von Celtic Frost klaglos mit machte? Auf alle Fälle steht eisern fest, daß hier wieder einmal eine Chance für ein internationales Aushängeschild in Sachen German Metal gedanken- und instinktlos – von welcher Seite aus auch immer – verschleudert, in den Dreck geschmissen und mit Füßen getreten wurde.

Der, der über all die Jahre in der Gruppe eigentlich für den konstanten Zusammenhalt sorgte, Jörg Juraschek, sieht die ganze Sache mittlerweile auch mit eineinhalb weinenden Augen und obwohl inzwischen mit seiner aktuellen Formation Punchline (zusammen mit Oliver gegründet) auf glänzlich anderen (Metal) Pfaden wandelnd, im Herzen noch ein echter Metaller, hätte er nichts gegen den einen oder anderen funmäßig angelegten “Warrant Rememberance” – nicht Reunion! – Gig, damit die Metal-Fans heute bei Nennung des Namens Warrant nicht automatisch an die “Ich bin Dein Kirschkuchen”-AFFEN (Sorry, aber ab und an geht´s mit einem durch … – Anm. d. Verf.) aus den Staaten denken, sondern auch noch der Begriff “Düsseldorfer Edelstahl vom Feinsten” nicht völlig außer Acht gelassen wird.

Veteranen, die – bedingt durch die Gnade der frühen Geburt – den auch optisch für großflächigen Success prädestinierten Vierer noch aus aktiven Zeiten kennen, werden, so sie denn noch immer ein Herz für den “echten” Metal haben, die Band und ihre beiden vertonten Kracher sicher noch immer in lebhafter Erinnerung bewahren. Fans jüngeren Datums bleibt dieses Glück leider Großteils verwehrt. Zum einen sind die Vinyl-Versionen der Warrant Werke trotz hoher, fünfstelliger Auflagen
inzwischen alles andere als leicht zu beschaffen, andererseits gibt es bis heute für
Plattenspieler-lose Fans keine Möglichkeit, dieser beiden German Metal-Klassiker im Kleinformat habhaft zu werden. Ja, tatsächlich, der Riesen-Indie Noise, eines der Aushängeschilder und Qualitätsmerkmal deutschen Metal-Schaffens, brachte es bis zum heutigen Tag nicht fertig, im Gegensatz zu anderem Backkatalog-Schrott jeglicher Coleur, eine CD-Version von “The Enforcer”, bzw. “First Strike” aus dem Presswerk zu zerren!

Eigentlich schon Armutszeugnis genug, doch selbst eine bequeme Lizenzvergabe kommt für die Marketing-Strategen aus unserer Hauptstadt nicht in Frage. Warrant Fans können ihre diesbezüglichen Hoffnungen getrost begraben. Karl Walterbach wurde mit Engelszungen um eine Herausgabe der Rechte angefleht, aber alle Kniefälle und warmen Worte, die im Verbund von High Vaultage Records, der That´s It! Redaktion und nicht zuletzt von Bandleader Jörg Juraschek selbst zu diesem Thema an den starrköpfigen Label-Owner verschwendet wurden, bewirkten nicht das, was für ein qualitätsbedachtes und sich seiner eigenen Tradition verpflichtetes Label eigentlich selbstverständlich sein sollte: Warrant auf CD.

Und so stauben die Bänder des nach wie vor – subjektiv gesehen – besten deutschen Noise-Signings weiterhin auf irgendeinem Berliner Dachboden vor sich hin, schlagende Argumente nach dem Motto “Mensch, Onkel Karl, wir räumen Dir deinen Speicher auf und Du bekommst auch noch gut Geld dafür” scheiterten an der nur noch als abstrus/bizarr zu bezeichnenden Gedankenwelt des Rechte-Inhabers, da laut seinen visionären Ansicht nach “das Internet das nächste große Ding auf dem Musik-Sektor sein wird, dann werden wir Warrant selbst rausbringen und die alten Fans können sich dann einzelne Songs gegen eine Gebühr auf den heimischen Computer runterladen.

Die nächsten paar Jahre warten war aber noch ab, bis die Zeit reif ist.” (Quelle: Interview Arno Hoffmann, August 1997) Oh ja, ich sehe die von Jahr zu Jahr anwachsende Masse von Warrant-süchtigen Kids förmlich vor den ganzen Vobis-Zentralen Schlange stehen, wenn es dann “in the Year 2525″ endlich soweit sein wird … Man bilde sich einfach sein eigenes Urteil! Nun gut, Warrant sind Geschichte. Viel zu früh und viel zu unbeachtet. Irgendwann wird das wahrscheinlich auch einem CD-Bootlegger auffallen, der nach der “Abhandlung” von England auch nichts “Verwertbares” mehr in Amerika entdeckt.

Die History wurde von Arno Hofmann verfasst und im Buch „Heavy Metal – Made in Germany“ über den Iron Pages Verlages, Berlin, 1998 veröffentlicht.

Comments

  1. wendy says:

    Well I for one am glad to be finally seeing a re-release of the First Strike and The Enforcer. I’ll be giving them a flogging on my show! Wendy

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